
Die Chaosphase und der Neuanfang
Warum ich Grey’s Anatomy gucke statt mein Traumleben zu leben. Warum es die Chaosphase für eine Neuordnung braucht.
Stefanie über Supermärkte, Briefkästen ohne Haus und warum IKEA sie anruft, um den Weg zu finden.
Weißt du, was mich am meisten überrascht hat, als ich in Litauen angekommen bin? Wie wenig überraschend alles ist. Ernsthaft. Du gehst in den Supermarkt und kriegst 80 Prozent von dem, was du in Deutschland auch kriegst. Die Regale sehen ähnlich aus, die Produkte sehen ähnlich aus, du bezahlst mit Karte, dein Handy hat Empfang wie zu Hause. Freies Roaming, weil Europa halt. Du merkst im Alltag fast nicht, dass du in einem anderen Land bist.
Auf dem Land wird’s schwieriger – wobei mich überrascht hat, dass es nicht unbedingt die Jungen sind, die Englisch können, sondern oft eher die Älteren. Und was ich gar nicht wusste: Viele Litauer sprechen sogar Deutsch. Ich könnte theoretisch einfach auf Deutsch loslegen. Vom Aussehen falle ich hier null auf. Im Supermarkt werde ich komplett auf Litauisch angeredet und alle sind dann überrascht, wenn ich auf Englisch antworte. Die merken es nur wegen meinem deutschen Kennzeichen.
Ich hab auch angefangen, Litauisch zu lernen. Also – „angefangen" ist großzügig. Die Sprache ist brutal. Die Wörter klingen so anders, dass ich mir nicht mal Hallo und Danke merken kann. Und ich bin sowieso nicht die Sprachenbegabteste.
Ich bin einfach froh, dass ich mich damals durch Englisch geprügelt hab, als ich mit Anfang zwanzig spontan nach New York gegangen bin. Eineinhalb Jahre Manhattan, direkt in der Querstraße zur Wall Street. Das war damals auch so eine Entscheidung, die keiner verstanden hat. Meine Familie hat mich für verrückt erklärt. Und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Kommt dir bekannt vor, oder? Aber gut. Litauen ist also überraschend normal. Bis es das nicht mehr ist.
Ich hab hier eine offizielle Adresse. Die ist registriert, alles korrekt. Nur: Wenn du die in Google Maps eingibst, bekommst du keinen Punkt. Du bekommst ein Gebiet. So eine Fläche auf der Karte, irgendwo da drin ist mein Haus. Nicht jedes Haus in Litauen ist bei Google Maps als Punkt registriert. Bei der litauischen Post schon – aber eben nicht auf der Karte.
Weil vor mir immer nur Leute kurzfristig gewohnt haben und die Eigentümer das als Sommerhaus genutzt haben. Die brauchten keinen. Also: Vermieterin anrufen. Die macht sich bei der Post schlau. Ich fahr in den Baumarkt, kaufe einen Briefkasten und einen Pfosten – ich hab noch nie in meinem Leben einen Briefkasten gekauft – und der Vermieter schraubt das Ding zusammen. Aber nicht bei mir am Haus. Das würde keinen Sinn machen, da findet ja niemand hin. Sondern zwei Straßen weiter, an der Abzweigung, wo man abbiegt. Und da steht jetzt ein Briefkasten mit meinem Namen drauf. Stefanie Neubeck. Merkt man sofort, dass das kein litauischer Name ist. Nächster Schritt: Ich schicke mir selbst einen Brief. Um zu testen, ob er ankommt. Weil – es gibt hier einen Postboten, der die Gegend kennt. Wenn ich Glück hab, hat er den Briefkasten beim Durchfahren schon gesehen. Wenn nicht, muss ich vielleicht erstmal zum Postamt und meinen Brief abholen. Mal gucken. Ist halt so.
Ich wollte Pfandflaschen zurückgeben. Ganz normal, wie in Deutschland, dachte ich. Pfandautomat im Supermarkt, weißt du schon. Ich bin eine halbe Stunde lang durch den Supermarkt gelaufen. Hab verschiedene Leute gefragt. Die haben mir alle gesagt, ich muss raus. Raus? Ich bin raus. Und wieder rein. Und wieder raus. Weil – in Litauen steht vor vielen Supermärkten ein kleines Häuschen. So ein eigenes Gebäude. Und da gibt man die Pfandflaschen ab.
Natürlich steht da groß auf Litauisch drüber, was es ist. Aber ich kann kein Litauisch. Und ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, dass die Pfandrückgabe ein eigenes Häuschen hat. Halbe Stunde. Für Pfandflaschen.
Und ich hab heute schon eine SMS bekommen: Bitte Telefon bereithalten. Weil – die finden mein Haus nicht. Natürlich nicht. Google Maps, Gebiet, kein Punkt, du weißt Bescheid. Also ist der Deal hier so: Die rufen mich an. Ich schicke denen meinen Standort. Die genauen Koordinaten über Google Maps. Und dann fahren die hierher. Das ist völlig normal hier. Kein Fehler, kein Sonderfall. So funktioniert das, wenn du am Ende einer Schotterstraße in Litauen wohnst.
In Deutschland würde die Lieferung storniert werden, weil die Adresse nicht im System ist. Hier rufen die an und sagen: Schick mir deinen Standort. Problem gelöst. Das ist irgendwie Litauen in einem Satz. Es funktioniert anders. Aber es funktioniert. Und meistens sogar unkomplizierter, als du denkst.
Du musst halt bereit sein, mal eine halbe Stunde nach dem Pfandautomaten zu suchen. Und deinen Briefkasten zwei Straßen weiter aufzustellen. Und IKEA deinen GPS-Pin zu schicken. Aber wenn du damit klarkommst, dass nicht alles so läuft wie gewohnt – dann läuft es. Auf seine eigene Art.
Aber was passiert eigentlich mit dir, wenn wirklich GAR nichts mehr so läuft wie gewohnt? Wenn so viel Neues auf dich einprasselt, dass dein Nervensystem sagt: Stopp? Wenn du abends auf der Couch sitzt und Grey’s Anatomy guckst, statt dein Traumleben zu leben – und dich dafür schämst?
Bist du auch an dem Punkt, wo du weißt: Du brauchst etwas Neues? Du willst Reisen und dich von deinem Alltag befreien?
Dann lass uns reden. In einem kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und was dein nächster Schritt sein könnte.

Ich begleite Menschen in Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen. Ich erkenne, wo jemand innerlich festhängt, warum Entscheidungen schwerfallen und weshalb Veränderung genau da abbricht, wo sie eigentlich beginnen sollte.

Warum ich Grey’s Anatomy gucke statt mein Traumleben zu leben. Warum es die Chaosphase für eine Neuordnung braucht.

Pfandflaschen, Briefkästen und IKEA-Lieferungen – Mein Alltag in Litauen

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