
Die Chaosphase und der Neuanfang
Warum ich Grey’s Anatomy gucke statt mein Traumleben zu leben. Warum es die Chaosphase für eine Neuordnung braucht.
Warum ich Grey’s Anatomy gucke statt mein Traumleben zu leben. Warum es die Chaosphase für eine Neuordnung braucht.
In meinem Haus, am Ende der Schotterstraße, mit der Vision von Hund und Katzen und Gemüsebeet und Natur. Und was mache ich? Ich gucke Grey’s Anatomy. Staffel drei. Oder vier. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Und ich schäme mich ein bisschen dafür.
Weil – ich bin doch hierher gezogen, um dieses andere Leben zu leben. Spaziergänge. Natur. Auf der Terrasse sitzen und runterkommen. Backen, kochen, Zeit für mich haben. Das ist die Vision. Die ist so stark in mir, dass ich sie quasi sehen kann. Und stattdessen liege ich auf der Couch und gucke Serien. Abend für Abend.
Ich hab noch keinen richtigen Mülleimer. Ich hab noch keine Regale, die ich gescheit einräumen kann. Ich hab noch nicht meine Töpfe, mein Geschirr – ich bin noch komplett provisorisch unterwegs. Mein Setup steht nicht.
Ich trenne normalerweise Müll. Hab ich schon immer gemacht. Hier hab ich nur einen großen Behälter. In der Stadt, eine halbe Stunde weg, gibt es öffentliche Papier- und Plastikcontainer.
Natürlich. Fange ich jetzt gerade damit an? Nein. Weil mich das in meinem aktuellen Zustand komplett überfordern würde. Ich bestelle bei Amazon Deutschland. Ja, ich weiß, das ist logistisch Quatsch – die Sachen gibt es auch in Litauen. Aber ich finde sie da schneller. Litauische Online-Shops funktionieren für mich noch nicht so intuitiv. Und bestimmte Sachen, wie Klemmrollos, die man nicht bohren muss – die findest du hier nur mit sehr spezifischer Suche. Werde ich irgendwann komplett in Litauen bestellen? Ja. Jetzt gerade nicht. Und jetzt kann ich mich für all das schlecht fühlen. Oder ich kann akzeptieren, dass das gerade so ist.
Mein Nervensystem ist im Ausnahmezustand. Und das sage ich jetzt nicht als Floskel, sondern als Profilerin. Gerade passiert so viel Neues. Neues Land, neue Sprache, neues Haus, neue Abläufe, alles gleichzeitig. Mein System ist überflutet. Und wenn dein System überflutet ist, dann braucht es Regulation. Irgendwas, das runterfährt. Irgendwas, das sagt: Du bist sicher.
Grey’s Anatomy, weil da kann man lange gucken, weil es viele Staffeln hat und weil es mein Nervensystem beruhigt. Es ist mein Security Blanket. Meine Decke, unter die ich mich verkrieche, bis der Sturm sich legt. Ist das die eleganteste Strategie? Nein. Aber es ist eine, die funktioniert.
Und weißt du, was die Alternative wäre? Mich zwingen. Jetzt sofort rausgehen, spazieren, Natur, Vision leben. Und dann in die Überforderung rauschen, weil mein System noch nicht bereit ist. Ich merke auch, dass ich gerade mehr Schlaf brauche. Dass ich früher ins Bett gehe. Dass mein Kopf nicht so effektiv ist. Dass ich mir mehr Zeit für mich nehmen muss. Das ist völlig klar, wenn du ehrlich hinguckst.
Als ich angefangen hab zu studieren, bin ich einer Organisation beigetreten. AIESEC – die größte internationale Studentenorganisation der Welt. Ich wusste nicht wirklich, warum. Es war einfach so ein innerer Ruf. Meine Mutter dachte, das wäre eine Sekte. Ernsthaft. Sie hatte so große Angst, dass ich da reinrutsche, dass es zum Dauerkonflikt wurde. Ich hab noch zu Hause gewohnt. Es wurde so schlimm, dass ich ausgezogen bin. Mit Anfang zwanzig, mitten im Studium, weil meine Mutter und ich uns nur noch über AIESEC gestritten haben.
Und ich konnte es ihr nicht mal erklären. Warum ich da bin. Was mich da hinzieht. Es war einfach da. Die Chaosphase damals? Alles auf einmal. Plötzlich alleine wohnen, studieren, in der Organisation Verantwortung übernehmen. Ich bin in eine Führungsposition gegangen, wurde lokaler Vorstand.
Und dann wollte ich den nationalen Vorstand machen – das ist bei AIESEC eine bezahlte Position, echte Führungserfahrung, noch während des Studiums. Aber in Deutschland konnte ich das nicht, weil mein Ex der Präsident war. Ich wollte nicht unter meinem Ex arbeiten. Also hab ich mich in den USA beworben. Bei AIESEC USA. Und dann war ich eineinhalb Jahre in Manhattan. Anfang zwanzig, Querstraße zur Wall Street, in einem internationalen Team mit Leuten aus der ganzen Welt. Alles, was ich von deutscher Arbeit kannte, gab es nicht. Alles war anders. Alles war Chaos.
Und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Nur deswegen spreche ich heute so gut Englisch. Nur deswegen weiß ich, dass ich im Ausland klarkomme. Nur deswegen sitze ich jetzt hier.
AIESEC. New York. Litauen. Jedes Mal der gleiche Ablauf: Ein innerer Ruf, den ich nicht erklären kann. Eine Entscheidung, die keiner versteht. Chaos. Und dann – die beste Zeit meines Lebens.
Die Chaosphase kommt, wenn du deinen Impulsen folgst und was Verrücktes machst. Wenn du was tust, das keiner versteht, wo keiner dich unterstützen kann oder nur sehr wenige Menschen. Dann kommst du in diese Phase, wo alles auf einmal kommt. Es ist überfordernd. Du hast nicht die Ordnung, die du zu Hause brauchst. Nicht die Sauberkeit. Nicht genug Zeit zum Arbeiten. Der Kopf ist nicht frei. Und dann hast du auch noch Gespräche, in denen andere Menschen ihre Ängste auf dich projizieren, statt dich zu unterstützen.
Und du musst dir alles erlauben, was dir guttut. Auch wenn es nicht zur Vision passt. Auch wenn es nicht so aussieht, wie du dir dein neues Leben vorgestellt hast. Auch wenn es Grey’s Anatomy auf der Couch ist, statt Sonnenuntergang auf der Terrasse. Weil – die Vision geht nicht weg. Die ist immer noch da. Die wartet auf dich. Aber dein Nervensystem muss erst ankommen, bevor du sie leben kannst.
Das ist kein Scheitern. Das ist kein Rückschritt. Das ist der Preis dafür, dass du was Mutiges gemacht hast. Und der Preis ist fair, wenn du weißt, wofür du ihn zahlst.
Also: Ja, ich gucke gerade viel Grey’s Anatomy. Ja, ich bestelle bei Amazon Deutschland. Ja, ich trenne meinen Müll nicht. Und nein, ich schäme mich nicht mehr dafür. Weil Chaosphase heißt nicht, dass du dein Ziel aus den Augen verlierst. Chaosphase heißt, dass du dir erlaubst, auf dem Weg dahin nicht perfekt zu sein. Und wenn du mich fragst, woher ich weiß, dass es gut wird? Weil es jedes Mal gut wurde. Jedes einzelne Mal.
Bist du auch an dem Punkt, wo du weißt: Du brauchst etwas Neues? Du willst Reisen und dich von deinem Alltag befreien?
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Ich begleite Menschen in Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen. Ich erkenne, wo jemand innerlich festhängt, warum Entscheidungen schwerfallen und weshalb Veränderung genau da abbricht, wo sie eigentlich beginnen sollte.

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