Stefanie Neubeck

Wildcamping in Litauen alleine

In diesem Beitrag erfährst du, wie eine Nacht beim Wildcampen in Litauen alles schiefgehen kann und warum das vielleicht die ehrlichste Reiseerfahrung ist, die du haben kannst.

Inhaltsverzeichnis

Wildcampen in Litauen alleine: Meine Erfahrung

Ich hatte alles geplant.

Also, so gut man halt planen kann, wenn man spontan mit einem umgebauten Hyundai i20 nach Litauen fährt. Ich hatte meinen Spot auf der App rausgesucht – wunderschön, an einem See, ab vom Schuss, genau das, was ich wollte. Ich hatte meine Matratze, meinen Schlafsack, meine Taschenlampen. Ich hatte sogar Grey’s Anatomy auf dem Handy. Was soll schon schiefgehen.

Alles ist schiefgegangen.

Ich bin extra spät angekommen, weil es draußen null Grad hatte und es nicht so ist, dass du bei null Grad deinen Campingstuhl auspackst und den Sonnenuntergang genießt. Du kommst an, du krabbelst in den Schlafsack und du willst eigentlich nur, dass die Nacht rumgeht. So der Plan.

Schon bei der Anfahrt zu meinem Spot hab ich Heidi gegen einen Stein gesetzt. Schöne neue Kratzer. Und als wäre das nicht genug, hab ich es geschafft, die Alarmanlage auszulösen. Elf Uhr nachts. Mitten im Nirgendwo. Alles ist still und dunkel und dann geht mein Auto los. Ich bin mir sicher, jedes Tier im Umkreis von einem Kilometer hat sich gedacht: Was zur Hölle.

Guter Start. Aber okay, Alarmanlage aus, durchatmen, einrichten. Ich krabbele in mein Auto, in meinen selbstgebauten Schlafsetup, und lege mich hin.

Wildcampen in Litauen alleine: Wenn der Körper Nein sagt

Ich lag da und es war warm und es war bequem und alles hätte gut sein können.

Aber mein Körper hat anders entschieden. Ich spürte sofort diese Enge. Ich lag ziemlich nah unter dem Dach, weil ein i20 halt kein Wohnmobil ist. Ich konnte mich nicht aufsetzen, nur so ein bisschen auflehnen. Und sofort war da diese Beklemmung auf der Brust, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Platzangst. Ich kenne das. Das ist nichts Neues für mich.

Heidi, ChatGPT und eine Campingmatratze

Im Flugzeug, in engen Räumen, da hatte ich das schon. Aber bisher war es immer ein mulmiges Gefühl, das ich wegeatmen konnte. Verankern, durchatmen, weitermachen. Hat immer funktioniert.
Hier nicht. Hier hat nichts funktioniert. Ich bin ein paar Mal eingeschlafen, und jedes Mal wenn ich aufgewacht bin, war die Panik schlimmer. Nicht weniger, wie ich gehofft hatte. Schlimmer. Mein Körper hat eskaliert. Nach ungefähr zweieinhalb Stunden war es so heftig, dass ich nicht mehr liegen bleiben konnte. Ich hab gehechelt. Ich musste aus diesem Auto raus.

Und jetzt stell dir das mal vor: Zwei Uhr morgens. Null Grad. Mitten in Litauen. Mitten im Nirgendwo. Du stehst neben deinem Auto und du hechelst.

Was eine Panikattacke beim Wildcampen wirklich bedeutet

Ich wusste in dem Moment, was mit mir passiert. Nicht weil ich es cool und reflektiert analysiert hab, sondern weil ich mich damit beschäftigt habe. Mein Körper war in einem Fight-oder-Flight-Modus. Panik. Hormone. Adrenalin. Cortisol. Mein Nervensystem hat Alarm geschlagen und gesagt: RAUS HIER.

Und ich wusste auch, dass ich in diesem Zustand nicht rational denken kann.

Dass mein Körper gerade die Show leitet und ich erstmal warten muss, bis diese Hormone abgebaut sind, bevor ich irgendeine Entscheidung treffen kann. Also hab ich das Einzige getan, was in so einem Moment hilft: Mich bewegen.

Ich hab Kreise um mein Auto gezogen. Bestimmt eine halbe Stunde. Nicht spazieren – bewegen. Laufen, gehen, Arme schwingen, alles was meinem Körper zeigt:

Du darfst jetzt diese Energie abbauen. Ich hab mich dabei nicht leise verhalten, weil das Wichtigste bei Wildtieren ist, dass sie dich hören. Die verschwinden dann. Ich hatte kein Essen dabei, ich war kein Ziel, ich war einfach nur eine Frau, die um zwei Uhr morgens um ihr Auto rennt. Klingt absurd? War es auch. Aber es hat funktioniert.

Wildcampen in Europa: Aufhören ist auch eine Entscheidung

Irgendwann kam der Moment, wo ich gemerkt hab:

Mein Körper ist runtergefahren. Ich kann wieder denken. Und der erste klare Gedanke war: Ich kann mich nicht mehr in dieses Auto legen. Nicht heute Nacht. Nicht morgen Nacht. Es ist vorbei. Dieser Plan ist gescheitert.

Und weißt du was?

Das war okay. Das war der Moment, wo ich für mich selbst eingestanden bin. Wo ich gesagt hab: Nein, ich drücke mich da nicht durch. Ich quäle mich nicht, nur damit ich mir hinterher sagen kann, dass ich es geschafft hab. Mein Körper hat mir klar gesagt, dass das hier nicht geht. Und ich hab zugehört. Wenn ich mich wieder reingelegt hätte – das wäre keine Stärke gewesen. Das wäre Retraumatisierung gewesen. Und der Unterschied zwischen Mut und Sturheit ist, dass Mut auch bedeuten kann, aufzuhören.

Alleine wildcampen — und dann doch das Airbnb buchen

Ich hab mein Handy rausgeholt und nach Airbnbs gesucht.

Zwei Uhr morgens in Litauen. Und ich hab was gefunden. Eine Saunahütte, eine Stunde Fahrt entfernt. Auf einem Gelände mit Ferienwohnungen, sehr abgelegen, aber mit Heizung. Und einem Hottub, den man dazubuchen konnte. Die musste das noch bestätigen – aber ich wusste: Wenn nicht die, dann eine andere. Es gibt immer eine Lösung. Die Lösung sieht vielleicht nicht so aus, wie du sie dir vorgestellt hast. Manchmal sieht die Lösung so aus, dass du um zwei Uhr morgens auf dem Beifahrersitz deines Autos sitzt, den Sitz runterfährst und wartest.

Und hier kommt die Stelle, wo ich über mein Security Blanket reden muss.

Ich hatte zehn Stunden Grey’s Anatomy auf meinem Handy. Runtergeladen, offline verfügbar. Ich weiß, das klingt lächerlich. Aber dieses Wissen, dass ich jederzeit meine Serie anmachen kann, dass ich mich jederzeit in etwas Vertrautes flüchten kann, wenn es zu viel wird – das war mein Anker. Und ich hab die Serie nicht mal angemacht in der Nacht. Ich hab sie nicht gebraucht. Aber zu wissen, dass sie da ist, hat gereicht.

Und da ist ein Punkt, über den wir reden müssen.

Weil ich weiß, dass viele von euch das kennen. Diese Kompensationsstrategien, die wir hassen. Zu viel Serien gucken. Zu viel am Handy hängen. Zu viel essen. Zu viel was auch immer. Und wir hassen uns dafür, weil es unproduktiv ist und weil es sich anfühlt wie Schwäche. Aber diese Strategien – die hast du nicht aus Faulheit entwickelt. Die hast du entwickelt, weil du sie brauchst. Weil dein Nervensystem irgendwann gelernt hat, dass das hilft, um runterzukommen. Und anstatt sie dir wegzunehmen, darfst du sie nutzen. Bewusst. Als Werkzeug. Nicht als Flucht, sondern als Brücke. Zehn Stunden Grey’s Anatomy auf dem Handy waren in dieser Nacht meine Brücke. Und ich schäme mich kein bisschen dafür.

Was nach der schlechtesten Nacht beim Wildcampen übrig bleibt

Hab ich in dieser Saunahütte eingecheckt.

Ich wurde mit offenen Armen empfangen – und mit dem Blick, den ich mittlerweile kenne. Frau, allein, what the hell? Aber egal. Ich hab den Hottub dazugebucht und ich hab drei Stunden in diesem Ding gesessen. Draußen. In der Natur. Ohne Handy, ohne Ablenkung. Einfach nur geguckt. Und zum ersten Mal seit Tagen gespürt, dass ich richtig bin. Dass ich hier richtig bin. Nicht weil alles nach Plan gelaufen ist. Sondern weil ich es geschafft habe, mir selbst zu helfen, als nichts nach Plan lief. Und da, in diesem Hottub, ist etwas passiert, das alles verändert hat. Aber davon erzähl ich dir beim nächsten Mal.

Bist du auch an dem Punkt, wo du weißt: Du brauchst etwas Neues? Du willst Reisen und dich von deinem Alltag befreien?

Dann lass uns reden. In einem kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und was dein nächster Schritt sein könnte.

Über Stefanie Neubeck

Ich begleite Menschen in Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen. Ich erkenne, wo jemand innerlich festhängt, warum Entscheidungen schwerfallen und weshalb Veränderung genau da abbricht, wo sie eigentlich beginnen sollte.

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